Arbeit ist wichtig: Warum Lernen am Arbeitsplatz gesundes Altern fördert

Wie sich die Art der Arbeit auf den Alterungsprozess des Menschen im Laufe seines Lebens auswirkt, hat bisher wenig Beachtung gefunden. Ein kürzlich veröffentlichter Artikel im Wissenschaftsmagazin „Psychology and Aging“ von Ursula Staudinger, Yan-Liang Yu und Bin Cheng beleuchtet das Zusammenspiel von Arbeitsbedingungen und der Erwachsenenentwicklung. Die Autoren fanden heraus, dass die Verarbeitung von Neuheiten bei der Arbeit über einen längeren Zeitraum den Abbau kognitiver Leistungsfähigkeiten abschwächt. Ihre Ergebnisse tragen dazu bei, Arbeit so zu gestalten, dass sie auch die kognitive Gesundheit von Arbeitnehmern fördert.

Es ist bereits bekannt, dass Menschen in Berufen mit höherer Komplexität (z.B. Ingenieure, Manager, Architekten) im Allgemeinen eine bessere kognitive Leistung, einen langsameren kognitiven Abbau und ein geringeres Risiko für die Entwicklung einer Demenz (z.B. Alzheimer) im späteren Leben aufweisen. „Wir wollten mehr über die zugrunde liegenden Mechanismen der Jobkomplexität erfahren“, sagt Staudinger. „Und darüber hinaus, was dies für Arbeitnehmer in weniger komplexen Berufen wie Lkw-Fahrer, Reinigungskräfte oder Bäcker bedeutet.“

Man lernt nie aus

Durch die Anwendung von mehrstufigen Übergangsmodellen stellten Staudinger und ihre Co-Autoren fest, dass die Verarbeitung von Neuheiten bei der Arbeit ein Merkmal ist, das mit der Komplexität des Jobs (sowohl in Bezug auf Daten als auch auf Personen) zusammenhängt und daher möglicherweise einige der Mechanismen aufzeigt, die für die schützende Wirkung auf das kognitive Altern verantwortlich sind. „Es wirkt sich nicht nur unterstützendend auf die mentale Stimulation aus, sondern kann auch auf weniger komplexe Aufgaben angewendet werden“, erklärt Staudinger. „Daher können auch weniger kognitiv fähige Arbeitskräfte und geringer Gebildete von ihren Schutzeigenschaften profitieren.“

Abwechslung im Job ist gut für die kognitive Entwicklung

Die Informationsverarbeitung von Neuheiten tritt normalerweise auf, wenn sich eine Lücke zwischen dem, was wir gewohnt sind, und dem, was eine bestimmte neue Arbeitsaufgabe erfordert, auftut. Wenn wir diese Lücke überbrücken, findet ein Lernprozess statt. Menschen, die in Jobs arbeiten, die eine stärkere Verarbeitung von Neuheiten erfordern (z.B. durch neue Informationen oder das Auftreten ungewohnter Situationen), entwickeln wahrscheinlich bessere kognitive Leistungsfähigkeiten als solche in Jobs mit weniger Veränderungen.

Daten von über 4.000 Personen

„Wir haben Daten von mehr als 4.000 Personen über einen Zeitraum von 14 Jahren untersucht“, sagt Staudinger. Dazu gehörten Daten aus einer Gesundheits- und Rentenstudie sowie detailliertere Informationen zu Berufsmerkmalen aus der kostenlosen Online-Datenbank Occupational Information Network (O*Net) der USA. „Wir haben festgestellt, dass die Verarbeitung von Neuheiten insbesondere die kognitive Beeinträchtigung der exekutiven Gehirnfunktion und des episodischen Gedächtnisses verlangsamte – zwei Bereiche, die normalerweise einen starken altersbedingten Abbau aufweisen.“ Ihre Studie befasste sich nicht nur mit bezahlter Arbeit, sondern berücksichtigte auch Freizeit- und Freiwilligentätigkeiten.

Laut Staudinger unterstreichen die Studienergebnisse, wie wichtig die Förderung von lebenslangem Lernen ist. „Während Jobs mit höherer Komplexität Vorteile für das kognitive Altern bringen, dürfen wir sozial benachteiligte Personen in weniger komplexen Jobs, bei denen ein höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen besteht, nicht übersehen“, sagt sie. „Deshalb sind arbeitsbezogene Aktivitäten, die Lernprozesse beinhalten, so wichtig.“ Staudinger ist davon überzeugt, dass die Einführung von Neuheiten (z.B. durch gelegentliche Änderungen von Arbeitsaufgaben) in den meisten Berufen möglich ist: „Einfache Maßnahmen können problemlos in den täglichen Arbeitsabläufen implementiert werden. Sie sind ein wesentlicher Baustein für die Stärkung von Gesellschaften des längeren Lebens.“

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Zukunfsreport Wissenschaft: Altern und Lebensverlauf in Deutschland

Am 16. Dezember stellte Ursula M. Staudinger, Sprecherin der Leopoldina-Kommission Demografischer Wandel, gemeinsam mit weiteren Autor*innen den Zukunftsreport Wissenschaft „Altern und Lebensverlauf: Forschung für die gewonnen Jahre“ vor. Über mehrere Jahre arbeiteten sieben führende Wissenschaftler*innen verschiedener Alternsdisziplinen gemeinsam unter Staudingers Federführung an dem Zukunftsreport. Dieser widmet sich der Leitfrage: Welche Forschung kann uns helfen, die Herausforderungen des längeren Lebens und des demografischen Wandels gut zu bewältigen?

„Der demografische Wandel ist neben dem Klimawandel eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“, betonte Staudinger auf der Online-Veranstaltung Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit rund 100 Teilnehmenden in ihrem Eröffnungsstatement. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat im Verlauf der letzten 150 Jahre um rund 40 Jahre zugenommen. Darüber hinaus sind die Lebensverläufe vielfältiger geworden. Diese Entwicklungen tragen dazu bei, dass das Wissenschaftsfeld der Alterns- und Lebensverlaufsforschung deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Dabei gilt es, die „gewonnenen Jahre“ so zu gestalten, dass Lebensqualität, Produktivität und Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft des längeren Lebens erhalten bleiben und weiterentwickelt werden.

Deutschland hat Aufholbedarf

Die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung ist eine Errungenschaft soziokultureller Entwicklung. Menschen haben die Fähigkeit – im Gegensatz zu anderen Arten – ihre eigene Entwicklung und den Alternsprozess zu verändern. Menschliches Altern ist also nicht nur biologisch beeinflusst. Vielmehr entsteht der Alternsprozess aus der kontinuierlichen Wechselwirkung zwischen Biologie, individuellen Entscheidungen und Lebensstilen, sowie soziokulturellem Kontext. Das von Staudinger entwickelte biopsychosoziale Modell veranschaulicht das Zusammenspiel von Kontext, Person und Organismus.

Ursula M. Staudinger bei der Online-Vorstellung des Zukunftsreports

Diese Erkenntnis unterstreicht auch die Notwendigkeit interdisziplinärer Forschung, die Befunde aus einzelnen Disziplinen zusammenführt, um eine erfolgreiche Gestaltung des demografischen Wandels zu ermöglichen. Laut Zukunftsreport bleibt Deutschland trotz umfangreicher Forschung gegenwärtig noch hinter ihren Möglichkeiten zurück und schneidet im Vergleich mit anderen Ländern wie Frankreich, Niederlande, USA oder Großbritannien schlecht ab.

Interdisziplinäre Forschung gefragt

Die Autor*innen des Zukunftsreports weisen darauf hin, dass die in Deutschland vorherrschende Förderthemen der Alternsforschung Krankheiten und deren molekulare Grundlagen sowie Pflege und technische Assistenzsysteme im Alter sind. Um jedoch wesentliche Forschungsfragen beantworten zu können, müssen andere Forschungsbereiche stärker berücksichtigt und bei geförderten Projekten alle relevanten Disziplinen einbezogen werden. „Das Einbeziehen darf nicht bei einem Nebeneinander der Disziplinen stehen bleiben, sondern muss den Schritt hin zu einem gleichberechtigten Miteinander tun, um den Erkenntnisfortschritt in der Alterns- und Lebensverlaufsforschung auf die nächste Stufe zu heben“, sagte Staudinger. „Bisher fehlte der Wille zu einer breit aufgestellten Alternsforschungsagenda.“  

Auch sind in der deutschen Alterns- und Lebensverlaufsforschung Sozial-, Verhaltens- und Geisteswissenschaften deutlich weniger vertreten als beispielsweise in Großbritannien, Schweden oder den Niederlanden. Eine strategische und programmatische Förderung in Form von Zentren, Programmen, Forschungsinfrastruktur und Weiterbildungsmaßnahmen ist für einer Interdisziplinarität von hoher Bedeutung. Die Autor*innen des Reports sprachen sich für einen Kompetenz-Verbund – aufbauend auf bereits bestehenden Zentren – mit einer zentralen Koordinierungsstelle aus und wünschten sich von der Politik positive Signale für eine nationale Forschungsstrategie im Bereich der Alterns- und Lebensverlaufsforschung.

Corona als Verstärker

Ergänzend zu dem Zukunftsreport wurden in einer Extra-Beilage Herausforderungen identifiziert, die sich aus der Coronavirus-Pandemie für die Alterns‐ und Lebensverlaufsforschung ergeben. Die Pandemie hat sowohl Stärken als auch Schwächen des Gesundheitssystems offenbart und bereits im Zukunftsreport erwähnte Themenfelder weiter verstärkt. So sind Menschen mit Vorerkrankungen, die im Alter häufiger vorkommen, beispielsweise einem höheren Sterblichkeitsrisiko ausgesetzt. Die Autor*innen betonen, dass die Herausforderungen der Gesellschaft durch demografischen Wandel, Klimawandel und aktuell COVID-19 in Zukunft stärker im Zusammenhang gesehen und noch entschiedener angegangen werden müssen.

Der Zukunftsreport wurde vorgestellt durch:

  • Ursula M. Staudinger ML, Technische Universität Dresden (Federführung)
  • Gerd Kempermann, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Dresden und Forschungszentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD), Technische Universität Dresden (Federführung)
  • Karl Ulrich Mayer ML, Präsident a.D. der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V., Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Yale University
  • Josef Ehmer, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien, Internationales Geisteswissenschaftliches Kolleg Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Alexia Fürnkranz-Prskawetz ML, Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik, Technische Universität Wien, Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, Univ. Vienna, IIASA, VID/ÖAW
  • Cornel Sieber, Institut für Biomedizin des Alterns, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Johannes Siegrist, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Feierliche Amtseinführung von Ursula Staudinger

Ursula M. Staudinger wurde am 21. September 2020 mit einer Festveranstaltung im Auditorium maximum der TU Dresden feierlich in ihr Amt als Rektorin der Technischen Universität Dresden eingeführt. Aufgrund der geltenden Corona-Bestimmungen war die Zahl der Gäste vor Ort stark limitiert. Dafür verfolgten über 920 Zuschauer die Veranstaltung online via Livestream.

Die feierliche Amtseinführung fand im Beisein des Sächsischen Ministerpräsidenten, Michael Kretschmer, des Sächsischen Staatsministers für Wissenschaft, Sebastian Gemkow, des Dresdner Oberbürgermeisters, Dirk Hilbert, der Rektorinnen und Rektoren befreundeter sächsischer Hochschulen und Universitäten, der Mitglieder des Hochschulrates, der Ehrengäste, des Erweiterten Rektorats der TU Dresden und der Spectabilitäten der TU Dresden sowie der Alt-Magnifizenzen Prof. Achim Mehlhorn und Prof. Hans Müller-Steinhagen statt.

Überzeugende Wahl

„Ich freue mich über diesen Tag – und vor allem deswegen, weil es eine so unglaublich überzeugende Wahl war“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer an Ursula Staudinger gerichtet. „Dazu braucht es ein großes Maß an Gemeinsinn und gemeinsamer Vorstellung, was gut ist für diese Hochschule.“ Er wünsche ihr alles erdenklich Gute und freue sich auf die Zusammenarbeit mit ihr. Aufgrund ihrer internationalen Erfahrungen sei sie bestens dafür geeignet, die Universität in die Zukunft zu führen.

Feierliche Amtseinführung von Prof. Ursula M. Staudinger als Rektorin der TU Dresden (Foto: ©TU Dresden, Michael Kretzschmar)

„Mit der heutigen Investitur erhält zum 2. Mal eine Frau die Insignien des höchsten Amtes unserer Universität“, sagte Gunda Röstel, Vorsitzende des Hochschulrates der TU Dresden, in ihrem Grußwort. Die Erwartungen von der Sicherung eines dauerhaften Exzellenzerfolges über eine national wie international gefragte Lehrinstitution bis hin zu einer Universität als aktiver Teil der Gesellschaft seien hoch, betonte sie. Staudinger sei das Steuerruder als erfahrende Führungskraft im Wissenschaftsbetrieb jedoch nicht nur zuzutrauen, sie habe bereits zu Anfang des Kurses wichtige Zeichen gesetzt und werde – gemeinsam mit dem erweiterten Rektorat – auch neue Ufer erreichen.

In Demut, mit Tatkraft

„Versehen mit den Insignien des Amtes der Rektorin der Technischen Universität Dresden stehe ich heute vor Ihnen in Demut, aber auch mit Tatkraft, im Angesicht der Aufgabe, die mir zunächst vom Senat der Technischen Universität Dresden übertragen und dann durch den Staatsminister bestätigt wurde“, sagte Staudinger in ihrer Rede. Der Talar und die Amtskette seien für sie weniger Zeichen der Macht als Zeichen der ihr übertragenen Verantwortung für die gute und erfolgreiche Weiterentwicklung der TU Dresden einzustehen.

Ursula M. Staudinger mit den Insignien des Amtes der Rektorin der TU Dresden (© TU Dresden, Michael Kretzschmar)

Staudinger bedankte sich bei den Alt-Magnifizenzen für ihr hervorragendes Wirken in der Vergangenheit: „Sie haben gemeinsam mit den Mitgliedern der Universität eine exzellente Ausgangsbasis geschaffen, um die Zukunft der TU Dresden erfolgreich zu gestalten.“ Die TU Dresden sei als Exzellenzuniversität eine der führenden Hochschulen in Deutschland und auch global betrachtet unter den Top 200 von 1000 weltweit gerankten Universitäten.

Exzellente Forschung und Lehre brauchen Kontinuität

„Den Exzellenzstatus der TU Dresden gemeinsam erneut zu erringen und damit die zukünftige Entwicklung unserer Universität zu sichern, ist das wichtigste Ziel meiner fünfjährigen Amtszeit“, sagte Staudinger. Eine gesicherte Finanzierung sei jedoch für den weiteren Erfolg der Universität entscheidend. „Exzellente Forschung und Lehre brauchen Kontinuität, um das Niveau zu halten oder gar weiterentwickeln zu können. Sie lassen sich nicht beliebig hoch und runterfahren ohne Qualitäts- und Produktivitätsverluste.“ 

„Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist von Herausforderungen, die nur global bewältigt werden können“, so Staudinger. Daher sei es ein weiteres Ziel der TU Dresden, sich zu einer global bezogenen und gleichzeitig regional verankerten Universität des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Interdisziplinarität auf Augenhöhe, forschungsbezogene Lehre, aber auch die Öffnung für neue Gruppen von Lernenden sowie gesellschaftliches Engagement und eine hohe Attraktivität als Arbeitgeber seien dabei wichtige Aspekte.

Bereits am 18. August übernahm Staudinger die offiziellen Amtsgeschäfte als Rektorin und stellte einen Tag vorher das erweiterte Rektorat sowie ihre Vision für die TU Dresden vor.

Die Investitur von Prof. Ursula Staudinger auf YouTube

Ursula Staudinger tritt Amt als Rektorin der TU Dresden an

Ursula Staudinger hat am 18. August das Amt als Rektorin der TU Dresden übernommen. Bereits einen Tag vorher stellte sie auf einer Pressekonferenz in Dresden ihre Vision und ihre Ziele für die Universität sowie das erweiterte Rektorat vor. 

Die Hauptaufgaben des neuen Rektorats für die nächsten fünf Jahre werden sich laut Staudinger an zwei großen Leitlinien orientieren: Zum einen möchte sie die prämierte Exzellenzstrategie „TUD 2028 – Synergy and beyond“ ausgestalten und umsetzen. Komplementär dazu soll die TUD zu einer globalen Universität für das 21. Jahrhundert werden.

„Zuallererst braucht eine globale Universität für das 21. Jahrhundert exzellente Grundlagen- und Anwendungsforschung“, erläuterte Staudinger. Diese könne mit einem Fokus auf breiter Interdisziplinarität Beiträge erarbeiten, um Antworten auf die großen Herausforderungen der Menschheit im 21. Jahrhundert zu entwickeln. Als Beispiele erwähnte Staudinger den Klimawandel sowie den demografischen Wandel.

Die neue Rektorin der TU Dresden (Foto: © Robert Lohse)

Ausbilder für Weltbürger

„Die globale Universität des 21. Jahrhunderts ist sich sehr bewusst, dass sie auch ein gesellschaftlicher Akteur ist“, betonte Staudinger. Sie werde – über ihre Rolle als Einrichtung der höheren Bildung hinaus – selbst aktiv. Außerdem sei die Universität des 21. Jahrhunderts darauf ausgerichtet, Weltbürger auszubilden und sich für neue Studierendengruppen zu öffnen. „Damit meine ich, dass wir den gesamten Lebenslauf in den Blick nehmen – und über die klassischen Altersgruppen der Studierenden hinausgehen.“

Die TUD der Zukunft sei ein Real-Labor, welches gewonnene Erkenntnisse aus Forschung für sich selbst anwende und sich daran messen ließe, so Staudinger weiter. Trotz ihrer Größe mit fast 40.000 Mitgliedern sei es entscheidend, dass sich die TUD als lernende Organisation verstehe und flexibel auf Veränderungen in den Anforderungen an eine Universität agieren könne. Deshalb möchte Staudinger die Diversität und Integration in der Universität deutlich erhöhen und so von einer größeren Perspektivenvielfalt profitieren. Gleichzeitig plant sie, die Digitalisierung in allen Bereichen mit Hochdruck voranzutreiben, um durch Effizienzgewinne mehr Freiheitsgrade für Innovation und Forschung zu gewinnen.

Teamgeist und Zusammenarbeit

Um ihre Ziele für die TUD erfolgreich umsetzen zu können, hat Staudinger das Rektorat erweitert und u.a. das deutschlandweit einzigartige Ressort Universitätskultur ins Leben gerufen. Neben Staudinger werden zwei weitere Frauen dem siebenköpfigen Rektorat angehören. Staudinger setzt dabei auf eine transparente, wertschätzende und proaktive Zusammenarbeit im Rektorat und mit allen Gruppen der Universität. „Ich vertraue auf den oft zitierten Spirit an der TU Dresden, der auch für mich bereits in den ersten Wochen vor Ort spürbar war.“

Die Pressekonferenz auf YouTube

Menschliches Altern neu denken

Ursula M. Staudinger veröffentlichte zentrale Erkenntnisse ihrer über 20-jährigen Forschungsarbeit unter dem Titel “The Positive Plasticity of Adult Development: Potential for the 21st Century” in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift American Psychologist. Ihr Paradigma der Positiven Plastizität stellt einen wichtigen Schritt zum besseren Verständnis des dynamischen Prozesses der menschlichen Entwicklung dar und bietet Entscheidungshilfen für Sozialpolitik und wirksame Maßnahmen zur Optimierung des Alterns.

Menschen leben länger als jemals zuvor. Die durchschnittliche Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt ist seit 1840 um nahezu 40 Jahren gestiegen. “Es ist nicht nur so, dass Menschen länger leben, sie genießen auch mehr gesunde Jahre”, sagt Staudinger. “Natürlich ist das sowohl ein Geschenk wie auch eine Herausforderung für jeden Einzelnen und die Gesellschaft.” Längeres Leben weist darüber hinaus auf ein außergewöhnliches Merkmal des Menschen hin. „Im Gegensatz zu anderen Arten haben wir die Fähigkeit unsere eigene Entwicklung und den Alternsprozess zu verändern“, erklärt Staudinger. Dies geschieht absichtlich oder unbeabsichtigt, zum Guten oder Schlechten und innerhalb natürlicher Grenzen.

Ein neues Modell für menschliches Altern

Bei positiver Plastizität, so definieren es Wissenschaftler der Lebensspanne, geht es um das Potenzial zur Veränderbarkeit als integrales Merkmal der menschlichen Entwicklung. „Es ist wichtig zu verstehen, dass die menschliche Entwicklung und das Altern weder biologisch noch kontextabhängig sind“, sagt Staudinger. „Es ist weitaus komplexer, weil biologische, soziokulturelle Kräfte und das Verhalten einer bestimmten Person Teil davon sind.“

Ein längeres Leben kann Geschenk sowie Herausforderung sein. Foto: © Stephane Juban, Unsplash

Um diesen dynamischen Prozess darzustellen, entwickelte Staudinger ein dreistufiges interaktives Modell der menschlichen Entwicklung und des Alterns, das Plastizität ermöglicht. Es zeigt, dass Entwicklungsverläufe das Ergebnis kontinuierlicher Interaktionen zwischen Organismus (z.B. Organe, Zellen), Kontext (z.B. Institutionen, Umwelt) und Person (z.B. Verhalten, Einstellungen) sind, die das Potenzial für intraindividuelle Variationen schaffen. Das Neue an diesem Modell ist, dass es die Person als aktiven Agenten ihrer eigenen Entwicklung einschließt. Dabei ist dieser dritte „Einflussfaktor“ auf den Alterungsprozess nicht nur eine „entstehende Eigenschaft“ der Wechselwirkung zwischen Biologie und Kontext, sondern muss eigenständig berücksichtigt werden.

Fordere es heraus oder verliere es

Wie kann dann die positive Plastizität des menschlichen Alterns besser genutzt werden? Untersuchungen haben gezeigt, dass eine positive Plastizität während des gesamten Lebens bis ins hohe Alter erhalten bleiben kann, sofern nicht schwere pathologische Prozesse (z.B. Alzheimer-Demenz) stören. „Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die wiederholte Aussetzung gegenüber Neuheiten und Herausforderungen eine positive Plastizität sowohl für die Persönlichkeit als auch für die Wahrnehmung erzeugen können.“

In Zeiten der Bevölkerungsalterung besteht ein wachsender Bedarf mehr über die Bedingungen zu wissen, die eine positive Plastizität der Erwachsenenentwicklung ermöglichen. Dies bedeutet, die Konstellationen soziokultureller und physischer Kontextmerkmale, persönliche Verhaltensmuster sowie deren biologische Ausstattung weiter zu untersuchen, um das Altern für möglichst viele zu optimieren. „Wir müssen jedoch zwischen Gruppen von Menschen unterscheiden, da es kein vielversprechendes Universalkonzept gibt“, betont Staudinger. „Obwohl wir noch einen langen Weg vor uns haben, ermöglichen uns die gewonnenen Erkenntnisse, Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen. Und wenn ältere Menschen länger gesünder und unabhängig leben, profitieren alle davon.“

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